Astloch

Digitale Transformation und Bildung

Vier Fragen werden oft diskutiert – und eine fünfte seltener.


Wie sieht die Arbeitswelt in 10 bis 20 Jahren aus, für die wir Menschen heute ausbilden sollen?

Wer auf diese Frage antwortet, ist ein Scharlatan. Mitten in der industriellen Revolution konnte man nicht wissen, dass in der Folge Leben bzw. Wohnen und Arbeiten getrennt sein würden, und auch nicht, dass diese Umwälzungen kurzfristig zu Massenalkoholismus und langfristig dazu führen werden, dass in vielen Ländern so gut wie jedeR ein Auto besitzt. Die digitale Transformation wird die Welt mindestens so sehr verändern, wie die industrielle Revolution. Immerhin das ist einigermassen sicher. Dies gesagt kann man durchaus einige Themen anschauen:

Kleine Gruppen können genauso wie über 10'000 Menschen hocheffizient und mit beeindruckenden Ergebnissen zusammenarbeiten, sogar wenn sie irgendwo auf der Welt leben (und unabhängig von Arbeitgeber oder Schule).

Massenüberwachung und effiziente Steuerung des Verhaltens der Menschen durch digitale Technologien.

Wissen wird weder von Firmen noch vom Bildungssystem besessen, sondern die Cracks sind international vernetzt und teilen das Wissen oft grosszügig, u.a. weil sie selbst so viel schneller Anstösse zur eigenen Weiterentwicklung erhalten: 700 Organisationen haben die Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen unterzeichnet.

Schnellere Veränderungen in unterschiedlichste Richtungen ("Volatilität"), Unsicherheit, Komplexität und Uneindeutigkeit werden zunehmen, und zwar in einem echt verwirrenden Mass: U.a. in der Harvard Business Review wird dieses Phänomen genauer erläutert.


Welche Fähigkeiten braucht dann eine arbeitstätige Person?

Noch einmal: Logischerweise wissen wir genau das nicht. Der sinnvolle Umgang mit diesem Nichtwissen besteht nun nicht darin, «nichts» zu tun, sondern genau daraus die Konsequenzen zu ziehen:

Wenn man heute noch nicht weiss, was man dann können muss, macht es Sinn, heute zu üben, fortlaufend, freudig, schlau selbstgesteuert zu lernen. Das ist die Fähigkeit, die den Unterschied machen wird – und es ist genau die Fähigkeit, die man nicht lernt, wenn man lernen muss, was einem vorgesetzt wird. – Dass einige Menschen dann nicht (oder schwer) lernen, wenn man wenig Vorgaben macht, sondern vor allem Räume und Anregungen bietet, ist kein Freipass dafür, Fremdsteuerndes im Bildungssystem weiterzupflegen, sondern Anlass dazu, gemeinsam herauszufinden, wie Menschen Selbststeuerungsfähigkeit und Selbststeuerungsfreude auf- und ausbauen.


Welche Fähigkeiten könnten wir also ganz konkret fördern?

Selbstwahrnehmung Mut Selbstzielwahl Wunderfitz Eigenwille Hartnäckigkeit Logik Lernfreude Kritikfähigkeit Selbstorganisation Kollaboration Verbundenheit Ideenreichtum Schaffenskraft Weltoffenheit Weltbezogenheit Technik Kunst ...
... vor allem aber das: fortlaufend hinschauen, ob jetzt aus alledem Selbststeuerung resultiert (oder ob es doch nur Fremdsteuerung war und Menschen in den Erwartungserfüllungsmodus gebracht hat) und was noch fehlt und dann das, was es für Selbststeuerung gerade jetzt braucht, aufbauen helfen (und in die Liste oben aufnehmen ;-) )

Kann man selbstgesteurtes Lernen lehren, unterrichten? Oder ist das paradox? Man kann, meint Michael Woodward Ph.D. in «Psychology Today».

E-Learning ist demgegenüber in aller Regel lediglich «alte Didaktik mit neuen Medien»: Einbahnkommunikation von Lehrenden zu Lernenden mit einigen unechten Interaktionen, was insgesamt wenig zur digitalen Transformation hilft. Zudem: Menschen den Umgang mit verbreiteten Textverarbeitungs-, Beamerpräsentations- und Tabellenkalkulationsprogrammen beizubringen, ist eher eine nette Dienstleistung für diejenigen, die mit dieser Software Geld verdienen, als Bildung. Handlungsfähig werden in der digitalen Transformation heisst Einfluss nehmen können auf das, was hinter dem Touchscreen läuft. Da können sich LehrerInnen und SchülerInnen ohne Scheu gemeinsam auf den Weg machen – und z.B. miteinander als erste Fremdsprache programmieren lernen.


Wie sollen wir dabei konkret vorgehen?

Wenn die Schule oder allgemeiner das Bildungssystem den Menschen die Welt erklärt, dann werden die Lernenden passiv gemacht und Selbststeuerung ist eine Farce. Toll sind Lehrende, die sich mit mir als Lernendem auf den Weg machen, um gemeinsam die Welt zu entdecken. Klar haben haben sie einen Wissensvorsprung, und von dem will ich auch profitieren. Doch noch mehr lerne ich aus ihren Fehlern, wenn sie sie unkompliziert zugeben können, und am allermeisten von ihrer eigenen Neugier auf das, was sie selbst noch nicht wissen.

Es gibt Bezüge zur Idee des «lehrmittelfreien Unterrichts»: bei Achim Arn für die Volksschule, bei «Dogme» für den Sprachunterricht generell.


Was brauchen die Lehrenden?

Das ist eine Frage, die eher selten gestellt wird. Wäre es quasi ein Tabubruch, sie zu stellen, weil LehrerInnen ja dadurch charakterisiert sein könnten oder gar solten, dass sie "Wissen" und "Können" verkörpern – wie könnte ihnen da etwas fehlen? Und für ProfessorInnen würde dies dann umsomehr gelten. Zugleich ist es eine Binsenwahrheit: Sich mit lernenden Menschen auf einen recht offenen Prozess einzulassen, verlangt andere Fähigkeiten als «Wissen» und ruft nach nochmals anders beschaffenen Persönlichkeiten. Viele Lehrende sagen sogar, dass es um eine Veränderung ihrer Identität gehe.

Es braucht eine Institution, einen Arbeitgeber, eine organisationale Struktur, die Scheitern zulassen und in Lernen überführen, weil sonst offene Prozesse nicht gewagt werden können. Qualitätsmanagement, Evaluation, Kontrolle in herkömlichen Formen sind überwiegend schädlich. Es braucht dafür neue Ideen.

Lehrpläne, Modulbeschriebe, Prüfungsreglemente werden so formuliert, dass die Lernenden eigene Ziele setzen und sie auf selbstgewählten Wegen anpacken können. Ein Beispiel.

Pädagogische und didaktische Aus- und Weiterbildungen stellen die für eine solche Bildungsarbeit bedeutsamen Fähigkeiten und Theorien (z.B. prozessoffen beraten zu können) ins Zentrum.

Lehrpersonen entwickeln ihre Identität weiter. «Wissend» zu sein ist ab jetzt eine hinderliche Identifikation. Lernende Lehrende sind die besseren Lehrenden: Der «Ideallehrer ist so ein Superheld, jedoch einer, der systematisch seine Selbstzweifel pflegt», schreibt Martin Spiewak.



Vielleicht ist die nicht gestellte Frage die wichtigste – und schafft erst die Grundlage dafür, dass wir die anderen anpacken können.


Fragen? Hinweise? Ideen? Gerne!